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  • Energieautonomie - ist das möglich?

    • 03.06.2020
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Kommt die Bürgerenergiewende? „Wir stehen für eine Bürgerenergiewende mit dezentral erzeugter und in der Region verbrauchter regenerativer Energie“, lautete ein Slogan der Bürgerinitiativen im Landkreis Neumarkt gegen die Stromtrasse P53. Geht das überhaupt? Und was bedeutet das für die Region, wenn sie tatsächlich energieautonom (Strom, Wärme, Verkehr) werden möchte? Für den Landkreis Bad Kissingen in Oberfranken hat die „Energy Watch Group“ im März 2020 eine Studie genau zu diesem Thema veröffentlicht: „100% erneuerbare Energien für alle Energiesektoren: Eine Optimierung für den Landkreis Bad Kissingen.“ (http://energywatchgroup.org/wp-content/uploads/EWG_Regionalstudie_BadKissingen.pdf) Der Landkreis Bad Kissingen (103.000 Einwohner/1.137 km² Fläche) ist sehr ländlich geprägt. Wenn man die Zahlen auf den wirtschaftlich viel stärkeren und bevölkerungsreicheren Landkreis Neumarkt (132.000 Einwohner/1.344 km²) überträgt, müssen die Zahlen zum Energieverbrauch wenigstens um 40% höher angesetzt werden. Andererseits ist man im Landkreis Neumarkt schon ein Stück weiter beim Ausbau der erneuerbaren Energien. Der Einfachheit halber werden hier die von der Energy Watch Group für Bad Kissingen errechneten Zahlen ohne große Modifikationen auf den Landkreis Neumarkt übertragen. Zur Deckung des Gesamtenergiebedarfs müssten hier wohl zusätzlich 30-50 leistungsstarke Windkraftanlagen errichtet werden. Die Zahl bzw. Leistung der PV Dachflächen müsste etwa verdoppelt werden. Die Zahl bzw. Leistung der PV-Freiflächen müsste verfünffacht werden. Die Wasserkraft ist bereits ausgeschöpft und bleibt gleich. Die Leistung der Bioenergieanlagen müsste sich ebenfalls mindestens verdoppeln. Zur besseren Nutzung der Bioenergie müssten größere Heizkraftwerke und Blockheizkraftwerke errichtet werden. Die Wärmeerzeugung müsste künftig überwiegend (über 60%) durch Wärmepumpen erfolgen. Weitere Heizquellen wären Blockheizkraftwerke und Wärmespeicher. Neu errichtet werden müssten Anlagen zur Wasserstoffelektrolyse und zur Wasserstoffverstromung. Komplett neu aufgebaut werden müssten die Speicherkapazitäten. Für Bad Kissingen werden 142 MWh Batteriespeicher, 812 MWh Wärmespeicher und 2.898 MWh Wasserstoffspeicher errechnet. Außerdem müsste der gesamte Verkehrssektor (PKW und ÖPNV) auf elektrischen Antrieb umgestellt werden. Laut den Berechnungen der Energy Watch Group könnten die so erzeugten regionalen Energien auf dem bisherigen Preisniveau zur Verfügung gestellt werden. Strom und Wärme wären damit für die Verbraucher nicht teurer als heute. Als Zeitraum für den Umbau auf ein 100% erneuerbares Energiesystem setzen die Forscher optimistische 10 Jahre an. Die jährlichen Investitionskosten beziffert Energy Watch für Bad Kissingen auf 140 Mio. Euro. Das bezieht sich auf die Energieerzeugungsanlagen. Die Kosten für die privaten Wärmepumpen und die E-Fahrzeuge sind hier wohl nicht berücksichtigt. Allerdings gehen die Energy Watch Forscher von sinkenden Investitionskosten durch die technologische Entwicklung und von zusätzlichen Einnahmen aus dem Verkauf überschüssiger Energie aus. Auch sei zu berücksichtigen, dass auf lange Sicht keine Kapitalabflüsse für fossile Brennstoffe (Gas, Öl, Benzin…) mehr anfallen. Die Erlöse aus dem Energieverkauf blieben überwiegend in der Region. Und von den Investitionen könnte vornehmlich die heimische Wirtschaft profitieren. Eine enorme Verbesserung bei der Luftqualität und die 100%ige Klimaneutralität kommen noch dazu. Sicherlich gibt es viele Unbekannte bei dieser Vision für einen energieautonomen Landkreis. Insbesondere die Technologien zur Wasserstoffnutzung müssten noch entscheidend verbessert werden. Nicht ausgeführt sind in der Studie Trägerschaft und Verwaltung eines regionalen Energiesystems. Ebenfalls nicht berücksichtigt sind in dem Papier die Kosten für Backup-Systeme, die bei Ausfall einzelner Komponenten die Energie- und Wärmeversorgung garantieren. Es sei denn man setzt hier weiterhin auf Stromtrassen, die im Notfall die Versorgung sicherstellen. Wenn die Berechnungen der Energy Watch Group einigermaßen zutreffen, dann könnte das mit der geforderten Bürgerenergiewende im Landkreis Neumarkt durchaus was werden. Die Vorteile für die Umwelt, die lokale Wirtschaft und das Klima wären enorm, die Kosten sind zumindest grob kalkulierbar. Wenn man für den Landkreis Neumarkt 200 Mio. Euro Investitionskosten pro Jahr annimmt, entfielen auf jeden Landkreisbürger etwa 1.500 Euro/Jahr. Wenn sich jeder nach seiner finanziellen Leistungsfähigkeit beteiligt, sollte die Bürgerenergiewende für einen so reichen Landkreis zumindest in Teilbereichen machbar sein. Sofern das Ziel „Bürgerenergiewende mit dezentral erzeugter und in der Region verbrauchter regenerativer Energie“ ernst gemeint ist, dann müsste jetzt als nächster Schritt der konkrete Weg dahin näher skizziert werden. Wer packt’s an?
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